“Mein Vater geht mit mir als Frau abwertend um. Ich nehme das jetzt bewusst wahr. Wie soll ich darauf reagieren? Ich kann ihn ja nicht ändern. Er wird es wahrscheinlich auch weiterhin tun. Bis jetzt war ich immer wütend auf ihn geworden. Ich finde für mich nicht heraus, wie ich ihm am besten in solchen Situationen begegnen soll.”

Wenn zwei Menschen mit unterschiedlich weit entwickeltem Bewusstsein aufeinandertreffen, können Konflikte entstehen. Als Kind hast du das unbewusste Verhalten deiner Eltern übernommen, warst mit ihnen dadurch auf der einen Seite sehr eng verbunden und wurdest auf der anderen Seite selbst unbewusster. Durch Bewusstseinsarbeit weitet sich dein Bewusstsein jedoch wieder, was die Beziehung zu deiner Familie – in deinem Fall zu deinem Vater – verändern kann, da du mit ihm nicht mehr auf einer Wellenlänge bist.

Die Wut, die aufgrund des Verhaltens deines Vaters in dir aufsteigt, zeigt dir, dass etwas Altes in dir noch mit der abwertenden Art deines Vaters verbunden ist, wie damals, als du als Kind seinem Verhalten ausgesetzt und gleichzeitig auf deinen Vater angewiesen warst. Es gibt eine tief unbewusste Ebene in dir, in der du deinem Vater in seiner Abwertung dir gegenüber zustimmst, da du als Kind deine Abwertung bei ihm gelernt hast. Als Kinder glauben wir unseren Eltern und nehmen dadurch ihr Bild von uns als unser eigenes Bild von uns an. Bevor du das angenommen hast, warst du wütend und hast gegen das, was dir auferlegt wurde – nämlich die Abwertung deiner Person – gekämpft und versucht für dich einzustehen. Dies wohlgemerkt als Kleinkind. Dadurch, dass dein Vater, trotz deines Kampfes dagegen, in seinem Verhalten abwertend blieb, musstest du dich dem anpassen. Da er, bewusst oder unbewusst, nun einmal einfach so ist, wie er ist, und er sich dahingehend nicht in Frage stellt, blieb dir damals nichts anderes übrig, als die schmerzhafte Erfahrung und deine Wut und Gegenwehr in dir zu vergraben und dich von nun an ebenso in deinem Selbstbild abzuwerten.

Heute ist die Wut dein Weg zu diesen vergrabenen Wunden. Deshalb versuche die Wut in der Begegnung mit deinem Vater immer bewusster wahrzunehmen. Beobachte im ersten Schritt nur, wie jedes Mal, wenn dir dein Vater abwertend begegnet, deine Wut dich wie heißes Feuer einnimmt, wie in dir ein Stich spürbar wird, ein Sturm dich durchschüttelt oder vergleichbare Gefühle in dir aktiv werden. Versuche nicht die Wut zu unterdrücken, weil sie sich unangenehm anfühlt. Sondern versuche stattdessen neugierig die Qualitäten und die Kraft dieser Energie wieder kennenzulernen und sie zu fühlen. Erlaube dir, die Wut zu fühlen, ohne dich dafür zu verurteilen und ohne deinem Vater mit Wut zu begegnen und ihm aus der Wut heraus zu antworten. Deinem Vater wie in der Kindheit aus der Wut heraus zu begegnen, würde dich weiter von dir selbst wegführen und bei deinem Vater sowieso nichts ändern. Dieser Unterschied ist also wichtig: Es geht darum, dass du die Wut zwar in dir zulässt, so dass du sie beobachten kannst, sie jedoch nicht gegen deinen Vater oder dich selbst richtest.

Die Beobachterrolle und deine Neugier können dir helfen, dieser kraftvollen Energie immer freier zu begegnen und Ängste vor ihr abzubauen. Auch kannst du versuchen, in jeder Begegnung mit deinem Vater vielleicht noch mehr davon zuzulassen – ganz nach dem Motto, in der Vergangenheit die Wut vielleicht gar nur auf Sparflamme empfunden zu haben. Bereits diese Form der Beobachtung ist sehr kraftvoll und transformiert Wut in eine rein kraftvolle Energie, die sich nicht mehr gegen dich oder deinen Vater richtet. Sondern sie wird wieder zu der Energie, die sie einmal war: Sie hilft deinem Immunsystem, versorgt dich mit Energie, hilft dir bei Abgrenzungen, so dass es dir beispielsweise leicht fällt, ganz natürlich auch mal Dinge abzulehnen und Nein zu sagen. Sie hilft dir, dich wieder wertzuschätzen und anzunehmen, so dass dein Ja zu dir immer stärker wird.

Je mehr du den Mut hast, diese Wut zuzulassen, desto mehr kannst du im nächsten Schritt erlauben, dass sich dein Vater genau so zeigt, wie er ist. Er muss sich für dich weder ändern noch versuchst du ihn zu ändern. Hier gilt also das gleiche wie bei der Wut: die Ängste vor der Begegnung abzubauen und anzunehmen, wie dein Vater ist. Genau so geschieht Heilung, indem alte Themen sich so zeigen dürfen, wie sie sind.

Wenn es dir gelingt, deine Wut zu beobachten und dadurch nicht mehr innerlich zu verhärten, wenn du deinem Vater begegnest und du ihm darüber hinaus auch noch erlauben kannst, so zu sein, wie er ist, ohne dass er sich ändern muss, kann es dir im nächsten Schritt gelingen, zu beobachten, wie zwei vollkommen verschiedene Menschen mit unterschiedlicher Reife aufeinandertreffen. So hast du einen Blick von außen auf dich, deinen Vater und eure Begegnung. Du wirst somit vom Opfer zum neutralen Beobachter und bekommst Distanz zu diesem Prozess.

Danach wirst du im finalen Schritt feststellen können, dass alles, was dein Vater sagt, so sehr es gegen dich oder irgendjemand anders gerichtet ist, nur mit ihm zu tun hat, dass er dabei in Grunde genommen über sich selbst spricht und gerade sein Innerstes offenbart. Er offenbart dir seine Ablehnung sich selbst und seinem Leben gegenüber. Hier wirst du wahrscheinlich beginnen, Mitgefühl für deinen Vater zu empfinden, weil du ab diesem Punkt ein ganz anderes Verständnis von ihm bekommst. Dein Vater trägt auf diese abwertende Art und Weise nur sein inneres Bild von sich nach außen, zeigt auf, wie zerrüttet er innerlich ist und dass er tagtäglich innerlich genauso abwertend mit sich selbst spricht, weil er ansonsten nicht zu einem solchen Verhalten in der Lage wäre. Und das ist eine tragische Erkenntnis.

Das ist jedoch allein das Thema deines Vaters und liegt einzig in seiner Verantwortung und du kannst ihm damit nicht helfen, wenn er das nicht möchte. Dein Mitgefühl wird ihm jedoch insofern helfen etwas in sich zu berühren, da er Mitgefühl in seiner Kindheit sehr wahrscheinlich nicht kennengelernt und erfahren hat. Hierbei ist jedoch sehr wichtig, dass dein Mitgefühl wirklich aufrichtig ist. Das heißt, dass du im Reinen mit der Gesamtsituation sein musst und die vorhergehenden Schritte bewusst gegangen bist. Wäre dein Mitgefühl nicht aufrichtig, würdest du in dir ein Gefühl, dich für ihn aufzuopfern, nähren und ebenso ein schlechteres Bild von dir selbst aufrecht erhalten. Wenn du wirklich Mitgefühl für deinen Vater empfindest, so geschieht das in dieser Phase mit deinem vollen Bewusstsein und dem Wissen, dass du dich selbst wirklich liebst.

Ich wünsche dir, dass du all die genannten Schritte im Umgang mit deinem Vater bewusst durchläufst und dir damit die Chance gibst, sehr viel über dich, deine Kindheit und deinen Vater zu lernen. Setze dich nicht unter Druck, einen Schritt schneller hinter dich bringen zu wollen, als es in Wirklichkeit geschieht. Wir neigen dazu, besonders Gefühlen wie Wut aus dem Weg zu gehen. Damit blockieren wir jedoch unseren Zugang zu dem, was sich hinter der Wut abspielt und für uns jedoch besonders wertvoll ist.

-Deine Diana Hellers-

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Abwertung durch den Vater, Diana Hellers