Bedürfnisse und Entwicklungen deines Kindes nachvollziehen

Viele Klienten buchen bei mir Termine wegen Krankheiten, aber auch wegen Verletzungen ihrer Kinder. Die Themen, die hier behandelt werden, sind vielseitig und vielschichtig. Was jedoch immer wieder auftritt, sind Zustände, bei denen mir Eltern beschreiben, dass sich ihr Kind während der Genesung zurückentwickelt hat: Es ist wieder so wie früher, als es noch kleiner war. Auf dieses Thema möchte ich heute tiefer eingehen und erläutern, was in solchen Zeiten in deinem Kind stattfindet.

Was passiert dann eigentlich: wenn sich dein Kind während einer Krankheit so zu verhalten beginnt wie zu einem früheren Zeitpunkt, als es noch deutlich unreifer war? Warum kommt dies ausgerechnet während einer Krankheit oder nach einer Verletzung zum Vorschein?

Dazu musst du zunächst einmal wissen, dass Kinder sehr unreif auf die Welt kommen. Sie brauchen alles von außen. Dein Kind braucht also dich als Mutter oder als Vater, um emotional wieder in sein Gleichgewicht zu finden, wenn es dort herausgeraten ist. Momente, um aus dem Gleichgewicht zu fallen, kann es für dein Kind zu Beginn viele geben: Geräusche, die Angst auslösen, Hunger, der nicht schnell genug gestillt wird, das Bedürfnis nach Nähe, das von den Eltern als Hunger gedeutet wird und mit Essen zu stillen versucht wird – Situationen wie solche gibt es in den ersten Jahren deines Kindes zuhauf. Viele Momente also, um zu verzweifeln, wütend zu sein, Angst zu empfinden oder sich ohnmächtig zu fühlen.

Dein Kind hat noch keine eigenen Fähigkeiten, um Gefühle wie Wut, Unruhe, Verzweiflung, Angst oder Ohnmacht selbst zu regulieren. Genauso wenig wie dein Kind die Fähigkeit hat, allein zu essen oder auf die Toilette zu gehen. Es braucht dich als Mutter oder als Vater, um körperlich versorgt zu werden. Aber noch viel wichtiger: Es braucht dich als Mutter oder als Vater in besonderem Maße, um emotional versorgt zu werden. Deine Fähigkeit, dein Kind zu beruhigen, seine Wut aufzufangen und seine Angst zu regulieren, sind maßgeblich dafür verantwortlich, wie die körperliche und psychische Gesundheit deines Kindes in seiner gesamten Zukunft verlaufen werden. Und wichtig ist hierbei auch, wie konstant du deinem Kind in der Regulation seiner Gefühle helfen kannst bzw. konntest.

Wenn du dich als Mutter oder als Vater jedoch an die erste Zeit mit deinem Kind erinnerst, wenn du dich an genau jene Momente erinnerst, in denen du erschöpft und selbst verzweifelt warst, dann wirst du eines sehen können: In diesen Momenten, als dein Kind besonders nach deiner Hilfe geschrien hat und dich noch mehr brauchte als zu anderen Zeiten, bist du für dein Kind keine Konstante gewesen. Dir ist es genau in den Augenblicken nicht gelungen, dein Kind schnell wieder zu beruhigen, weil dir selbst die Kraft fehlte und du selbst nicht in deiner Mitte warst.

Momente wie diese sind jedoch für dein Kind die entscheidenden Augenblicke, in denen es in seiner emotionalen Entwicklung Brüche erlebt und damit auch zu sich selbst. Momente, in denen es sich nicht auf dich als sein äußeres Selbst verlassen kann, da du sein Selbst in äußerer Form darstellst. Diese Momente sind für dein Kind besonders dramatisch. Sie stellen für dein Kind Schmerzerfahrungen dar, die es bereits zu einem so frühen Zeitpunkt in seinem Leben abspaltet. Hierbei ist nicht wichtig, ob die Brüche unabsichtlich, unverschuldet, selten oder unbewusst passieren. Für dein Kind ist wichtig, dass es solche Momente gibt, die es für die Zukunft prägen: weil sein äußeres Selbst, also du, nicht schnell genug da war, um es zurück in seine Mitte und in sein Vertrauen zum Leben zu führen.

Auch wenn du eine bewusste und liebevolle Mutter oder ein bewusster und liebevoller Vater bist, wirst du einsehen müssen, dass sich solche Momente nicht vermeiden lassen. Diese Brüche geschehen auch ganz nebenbei im Alltag. Dein Kind ist bereits in Not, wenn es Hunger hat und dieser nicht schnell genug gestillt wird. Oder wenn du auf die Toilette gehst und dein Kind für diesen Moment einen größeren Abstand zu dir hat. Wenn du als Vater einkaufen gehst, um euren Kühlschrank wieder zu füllen, dein Kind jedoch beide Eltern für seine heile Welt braucht und diese Welt nun unvollständig ist. Momente wie solche gibt es nahezu täglich im Alltag deines Kindes.

Diese Erfahrungen in deinem Kind, die immer mit Not und Schmerz in Verbindung standen, werden abgespalten. Dein Kind entwickelt sich außerhalb dieser Erfahrungen dennoch weiter, es wächst ja weiter. Daher werden diese Themen erst später in seinem Leben wieder eine größere Rolle spielen. Eine Verletzung oder eine Krankheit deines Kindes sind für dich eine sehr gute Gelegenheit, diese Brüche und seine ungestillten Bedürfnisse aus dieser Zeit, in der du es nicht konntest, nachträglich zu versorgen. Du heilst damit dein Kind.

Verzweifle also nicht, wenn dein Kind bereits größer ist, sich eigentlich zu großen Teilen von dir gelöst hat und nun wieder sehr viel von dir einfordert. Im Zeitraum seiner Genesung wird dein Kind an einem Tag viel Zeit mit sich und ohne seine vielen alltäglichen Ablenkungen wie Schule, Freunde oder Hobbys verbringen. Diese Ruhe gibt den alten Themen, die noch unerledigt sind, und seinen ungestillten Bedürfnissen neuen Raum. Weiterhin wirst du dich, während dein Kind krank ist, intensiver um dein Kind kümmern, damit es schnell wieder gesund wird. Seine Bedürfnisse, die durch die Ruhe Raum einnehmen, und dass du dein Kind wegen seiner Krankheit versorgst, gehen miteinander in Resonanz.

Wenn dein Kind spürt, dass es hierbei innerlich aufblüht, wird es deine Nähe und alles, was du gibst, in sich aufsaugen. Es wird sogar mehr von dir fordern und Dinge tun, die es früher getan hat, als es kleiner war, um noch mehr von dir zu bekommen. Und genau darauf kommt es an.

Verwehre dich jetzt nicht und glaube nicht, dass dein Kind diese Zustände nur spielt, um dich zu täuschen. Es tut dies, um mehr von dir zu bekommen. Aber es würde dies nicht tun, würde es in ihm dieses Bedürfnis nicht geben. Stille das Bedürfnis und sei in Frieden mit dir selbst, dass du deinem Kind hilfst, emotionale Entwicklungsschritte zu machen, die vorher unbewusst blockiert waren.

Dein Kind lässt sich nicht plötzlich tragen, obwohl es seit Jahren gut laufen kann, weil es faul ist. Dein Kind spricht nicht die Babysprache, obwohl es schon sprechen kann, um dich zu manipulieren. Dein Kind möchte nicht seinen Tee von dir ans Bett gebracht bekommen, statt ihn selbst zu holen, damit es von dir bedient wird. Nein, dein Kind tritt schlicht mit unbewussten Momenten seiner Vergangenheit in Kontakt, in denen genau die intensive Nähe und Versorgung notwendig waren. Du konntest dies damals, aus welchen Gründen auch immer, nicht geben. Jetzt ist deine Chance, Brüche im Inneren deines Kindes zu heilen, indem es mehr von dir als Mutter oder als Vater bekommt. Dein Kind signalisiert dir nämlich mit seinen Forderungen nur: Bitte gib mir mehr ein Stück Mama oder Papa, damit ich mich in meiner Mitte und in meinem Gleichgewicht fühlen kann.

Auf der Ebene von Energie, der Lebensenergie deines Kindes, heilst du auf diese Weise Brüche, die seine Energie blockieren. Diese blockierte Energie bringst du mit deiner Versorgung wieder in den Fluss. Lasse also deine Vorurteile, die dir dein Verstand einflüstert, um die Aufgaben deines Alltags besser zu schaffen, beiseite. Urteile nicht über das Verhalten deines Kindes und grüble auch nicht darüber nach, welche Absichten es dabei hat. Fühle einfach mit deinem Herzen, dass es deine Nähe sucht, und sei dankbar, dass du für dein Kind so wichtig bist wie niemand sonst auf der Welt.

Du trägst damit dazu bei, dass dein Kind schneller reifer wird, ausgeglichener ist und selbstbewusster wird. Seine gestärkte Lebensenergie wird außerdem dazu beitragen, dass dein Kind weniger oft krank wird und mit Herausforderungen in seinem Leben immer besser umgehen kann. Und genau das wünsche ich dir: ein vitales und gesundes Kind voller Lebensfreude und voller Neugier auf neue Erfahrungen. Aber auch ein vitales und gesundes Leben für dich, voller Lebensfreude und voller Neugier auf neue Erfahrungen.

Begegne auch du deinen ungestillten Bedürfnissen. Viele in unserer Gesellschaft haben von ihren Eltern zu viel Erziehung und zu wenig Beziehung erfahren.

Deine Diana Hellers

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Bedürfnisse und Entwicklungen deines Kindes nachvollziehen, Diana Hellers